Wer im Jahr der Astronomie 2009 an Galileo Galilei denkt und in Verbindung mit dem 400. Jubiläumsjahr der „Astronomia Nova“ ebenfalls Johannes Kepler und Tycho Brahe feiern würde aber dabei gleichzeitig Jost Bürgi übersähe, vergäbe sich die Gelegenheit, im gleichen Zug eines Freundes Keplers und eines Bekannten Brahes zu gedenken, der nicht ohne Einfluss auf die Entwicklung dieses epochalen Werkes der Neuzeit war. Der Autor des folgenden Beitrages, Fritz Staudacher, hat bereits Anfang des letzten Jahrzehnts mitgeholfen, einen Fernseh-Dokumentarfilm über den Toggenburger Jost Bürgi zu realisieren. Er beleuchtet im folgenden Beitrag einige Aspekte dieses Renaissancegenies, die nach Meinung des Autors bis anhin im Schatten standen und von denen die Gefahr besteht, dass diese immensen Beiträge eines Schweizers für die Kultur- und Technikgeschichte immer mehr in Vergessenheit geraten.

Bernhard Braunecker, SPG-Sekretär

 

Jost Bürgi erfand nicht nur die Sekunde

Quelle: Wikipedia

Wir kennen ihn als den Erfinder der Logarithmen, als den Konstrukteur unübertroffener Himmelsgloben, als einen der Pioniere der Algebra und des Rechnens mit Dezimalbrüchen, sowie als den Schöpfer originärer Reduktions-Rechenzirkel und Triangulations-Distanzmessausrüstungen: den Lichtensteiger Uhrmacher, Mathematiker und Astronomen Jost Bürgi (1552–1632). Dass er erstmals die Zeiteinheit der Sekunde mass, ist eines der weitum unbeachteten und unterschätzten Verdienste dieses leisen Toggenburgers. Die Sekunde ist die heute am genauesten definierte und für unser heutiges technisches Weltgeschehen wohl wichtigste physikalische Einheit.

Mit der Sekunde wird heute das gesamte Zeitnetz über das Universum geworfen. Und mit der aus Sekunde und Lichtgeschwindigkeit bestimmten Streckeneinheit des Meters messen wir simultan die Raumzeit-Geometrie des gesamten Makro- und Mikrokosmos aus ((G)). Doch erstmals getickt hat die „pars minuta secunda“ in einem Uhrwerk des Schweizers Jost Bürgi 1585 am Hof des Landgrafen Wilhelm IV in Kassel – und entwickelte sich seither mit leisem Ticken und später mit immer genaueren Oszillatoren weltweit zum heutigen Zeitstandard!

 

"Dauer der kleinsten Note in einem mässig langsamen Lied"

Der hessische Landgraf Wilhelm IV unterrichtete den Astronomen Tycho Brahe am 14. April 1586 in einem Brief stolz über sein neues "Minuten- und Sekundenührlein", welches innerhalb von 24 Stunden höchstens eine Minute variiere. Das bedeutete für die Zeitmessung eine gewaltige Genauigkeitssteigerung: die besten Uhren der damaligen Zeit wiesen eine Abweichung von einer Viertelstunde auf! Wie man ein so kurzes Zeitintervall von einer Sekunde wahrnimmt und sich vorstellen kann, wusste 1586 ausserhalb der Sternwarte von Kassel allerdings noch niemand. Der Kasseler Hofastronom Christoph Rothmann schilderte die gefühlte Dauer dieser neuen Zeiteinheit deshalb wie folgt: "Die Dauer einer Sekunde ist nicht so sehr kurz, sondern kommt der Dauer der kleinsten Note in einem mässig langsamen Lied gleich. Die Unruhe (oder Balancier) wird nicht auf gewöhnliche sondern auf ganz besonders neu erfundene Weise so getrieben, dass jede ihrer Bewegungen einer einzelnen Sekunde entspricht." ((LW22)). Den Schöpfer dieses neuen Wunderwerkes Jost Bürgi beschrieb der Landgraf Wilhelm IV dem dänischen Astronomen Brahe als einen "an Spürkraft zweiten Archimedes".

 

Mit dreimonatigem Federantrieb und Kreuzschlaghemmung

Dank seiner Erfindungen der Kreuzschlaghemmung und des dreimonatigem Federantriebs mit automatisiertem Zwischenaufzug sowie dank der Entwicklung und Fertigung eines perfekt ausgelegten Räderwerks mit feinstem Zahnschliff hatte es Jost Bürgi geschafft, kleine astronomische Observationsuhren hoher Ganggenauigkeit mit Sekundenangabe zu entwickeln und zu bauen ((O2/59)). Damit ermöglichte und nutzte er erstmals den Einsatz einer Uhr als wissenschaftliches Präzisionsinstrument. Zusammen mit einem von ihm gebauten Sextanten mit Visierstab liess sich nun anhand der Mittagssonne die lokale Ortszeit und die geographische Lage sowie die Durchgangszeit und Distanz von Fixsternen, Planeten und anderen Himmelkörpern nach der Methode der raumzeitlichen Vermessung weit genauer als jemals zuvor bestimmen – und dies bereits sieben Jahrzehnte vor Christian Huygens Pendeluhr ((Ha161)), mit der man gemeinhin den Beginn des "Sekundenzeitalters" assoziiert.

Jost Bürgi war seit 1579 an der ersten feststehenden Sternwarte der europäischen Neuzeit am Hof des hessischen Landgrafen Wilhelm IV von Hessen-Cassel als Hofuhrmacher angestellt und daselbst ebenfalls als Instrumentenverantwortlicher und astronomischer Gehilfe des "weisen" Landgrafen tätig. Von 1584 bis 1590 arbeitete Bürgi dort auch mit dem Hofmathematiker Christoph Rothmann zusammen und übernahm nach dessen Weggang in Kassel zusätzlich zu seinem Amt als Fürstlicher Hofuhrmacher von 1590 bis 1604 auch die Aufgaben des Hofmathematikers und Hofastronomen. Schon Jost Bürgis junger Zeitgenosse Willebrord Snellius (1580-1626) – ein holländischer Mathematik-Professor, der auch die astronomischen Beobachtungen der Kasseler Sternwarte publizierte und durch das Snellsche Brechungsgesetz ein Begriff ist – nannte den Schweizer "eine ausserordentliche Persönlichkeit, die zugleich ein brillanter Uhrmacher, ein tüchtiger Astronom und ein hervorragender Mathematiker ist: eine wohl einmalige Kombination in der Geschichte der Uhrmacherkunst."

Zwar soll im 16. Jahrhundert auch im Osmanischen Reich der Universalgelehrte Rasid Takiyyüddin (1525-1585) gemäss einem 2002 publizierten türkischen Buch anscheinend ebenfalls eine Uhr mit Sekundenanzeige konstruiert haben ((T)). Doch mit den expansiven Osmanen lag der Okzident zu dieser Zeit vielfach im Krieg, weshalb der habsburgische Kaiser Rudolf II seinen Sitz von Wien in das ihm sicherer erscheinende Prag verlegt hatte. Falls es diese Takkiyyüddin-Sekundenuhr also zu dieser Zeit in Istanbul physisch überhaupt gegeben haben sollte, hatte sie keiner der europäischen Kopernikus-Jünger jemals sehen, geschweige denn für seine astronomischen Forschungen nutzen können.

 

Ein Mann der Werke und nicht der Worte

Jost Bürgi glänzte mit der Konstruktion von dreidimensionalen Modellen, Instrumenten und Uhrwerken, sowie durch innovative Rechenmethoden – aber nicht durch Worte. Weil er der damaligen Wissenschaftssprache Latein nicht mächtig war und sich auch sonst mit dem Schreiben schwer tat, publizierte er selbst nur spärlich. Immer wieder machten ihm Zeitgenossen oder spätere Generationen seine Ideen streitig oder übergingen sie, dies jedoch meist ohne böse Absicht. Bürgi verdrängte die gedruckte Beschreibung seiner Erfindungen so lange, dass Freunde damit begannen, darauf in eigenen Publikationen zu verweisen oder sie für ihn zu notieren und zu redigieren – vor allem Johannes Kepler, Nicolas Raimarus Ursus und Schwager Benjamin Bramert. Vielleicht unterliess Jost Bürgi "geheimniskrämerisch" die schriftliche Dokumentation seiner Methoden, Techniken und Geräte in manchen Fällen auch zur möglichst langen Nutzung eines zeitlichen Vorsprungs und zur Verhinderung unerlaubter Nachahmung. Der typisch verspätet in Angriff genommene Druck seiner Logarithmentafeln scheint darüber hinaus wegen der kriegerischen Ereignisse in Prag und aus finanziellen Gründen nie in normaler Auflagenhöhe zustande gekommen zu sein ((L157)).

 

Jost Bürgis Wunderwerk des Himmelsglobus

Bekannter noch als für seine astronomischen Orientierungs-Sekundenuhren war Jost Bürgi bis an den Kaiserhof in Prag für seine Himmelsgloben mit differenzierten astronomischen Abläufen und unübertroffener Anschauungskraft. Das sind hochpräzise gefertigte Automaten mit im Innern verborgenen hochkomplexen Mechanikfunktionen aus Eisen bzw. Stahl und mit künstlerisch hochwertigen Gravuren der Sternenbilder auf Kugelschalen aus vergoldetem Messing, Silber oder Kupfer. Ein Himmelsglobus aus der Werkstatt Jost Bürgis bietet dem Betrachter die Kosmografie der Sterne am Himmel mit Sternenpositionen, die Bürgi an der Kasseler Sternwarte in jahrelangen Himmelsbeobachtungen zum Grossteil selbst eingemessen hatte. Weil Bürgi auf seinem Himmelsglobus dem Betrachter auch den jeweiligen Stand der Sonne anzeigt und diese mit Hilfe einer im Globusinnern verborgenen genialen Mechanik simultan aufs Genaueste nachführt, stimmt die Position der Gestirne auf dem Globus immer mit derjenigen am natürlichen Himmel überein. So ist auf dem Bürgi-Globus jederzeit erkennbar, welche Sterne wo am Himmel gerade sichtbar sind und welche nicht. Selbst wenn die Sonne über dem Horizont steht und mit ihrem Licht die Sterne überstrahlt, können ihre "Bewegungen" auf dem Bürgi-Globus nachvollzogen werden. Bei der Suche eines bestimmten Sterns nachts oder auch am Tag besteht über eine grobe Positionsbestimmung auf dem Himmelsglobus immer die Möglichkeit, den gesuchten Himmelskörper rasch aufzuspüren ((O1/45)). Der grosse Erfindungsreichtum und das hohe handwerkliche Uhrmacherkönnen beeindrucken an diesen Astronomie-Automaten bis heute die Fachwelt. So staunt mehr als vier Jahrhunderte nach Bürgi der geniale Uhrenbauer, Physiker und Bürgi-Biograph Ludwig Oechslin beispielsweise noch heute über die unübertroffene Konstruktion und Fertigung des epizyklischen Getriebes und des ungleichmässig geschliffenen Zahnkranzes, welche im Bürgi-Himmelsglobus mit hoher Ganggenauigkeit die Neigung der Erdachse und die Elliptizität der Erdbahn nachbilden ((O1/55)).

Der habsburgische Kaiser Rudolf II in Prag – selbst gleich alt wie Bürgi und der Neffe Landgraf Wilhelms – wünschte sich von seinem Onkel die persönliche Überbringung eines solchen Himmelsglobus-Wunderwerkes durch den Hersteller aus Kassel. Das führte Jost Bürgi 1592 erstmals zum Kaiser in Privataudienz auf den Hradschin, und erneut wieder 1596 und 1604, wo er von ihm als Kaiserlicher Hofuhrmacher auf die Burg verpflichtet wurde.

 

Drei Koryphäen ihres Gebietes in Prag auf der Suche nach den Planetenbahnen und der Kosmischen Harmonie

Natürlich kannten die am Kaiserhof Rudolfs II zu Prag tätigen Astronomen Tycho Brahe (1546-1601) und Johannes Kepler (1571-1630) Jost Bürgis Wunderwerke der Uhrmacherkunst sowie seine Vermessungsinstrumente. Sie hatten auch Kenntnis von seinen astronomischen Beobachtungsfähigkeiten und seinen damals einzigartigen Rechenmethoden. Bereits 1592 hatte sich Brahe in Kassel erkundigt, wie weit denn Bürgi mittlerweile mit seinen Sinustabellen sei ((O2/101)). Doch schon zwei Jahre nach Aufnahme seiner Tätigkeit auf dem Hradschin starb im Jahre 1601 plötzlich der Hofmathematiker und geübte Sternenbeobachter Brahe, der erst 1600 den mathematisch hochtalentierten Kepler als einen seiner Assistenten in die Stadt an der Moldau geholt hatte. Johannes Kepler rückte nach Brahes Tod auf den Posten des Kaiserlichen Hofmathematikers nach, hatte bei Himmelsbeobachtungen aber das Handicap einer Fehlsichtigkeit, so dass er ferne Objekte manchmal doppelt und dreifach sah und "gleichzeitig bis zu zehn Monde" ((P255)).

Auf der Suche nach Keplers Himmelssphären-Harmonie und für die Bestimmung und Entschlüsselung der rätselhaften Planetenbewegungen um die Sonne arbeiteten Brahe und Kepler sowie Kepler und Bürgi auf dem Hradschin in Prag Hand in Hand. Obwohl Brahe Kepler misstraute und seinen Datenschatz der Fixsternpositionen und Planeten nur zögerlich herausgegeben hatte, ergänzten sich die Aufzeichnungen, Kenntnisse und Fähigkeiten aller drei von Kaiser Rudolf II berufenen Persönlichkeiten zielführend auf ideale Weise.

In diesen Datensätzen von Tycho Brahe waren auch Informationen über die Positionen von Himmelskörpern verarbeitet, die Jost Bürgi in Kassel in unzähligen nächtlichen Beobachtungen mit Sekundenührlein, Sextant und Logarithenberechnung gewonnen hatte – zunächst fünf Jahre zusammen mit dem Landgrafen und Astronomen Wilhelm IV, ab 1584 mit Christoph Rothmann, und von 1590 bis 1604 vor allem alleine. Aufgrund des mit Tycho Brahe freundschaftlich verbundenen Landgrafen Wilhelm hatten die beiden damals führenden europäischen Sternwarten von Kassel und Uranienburg während Jahrzehnten in einer lebhaften Korrespondenz und in gegenseitigen Besuchen Informationen und Erfahrungen ausgetauscht.

 

Kepler schätzte und nutzte Bürgis Qualitäten und Methoden sofort

Ab 1604 arbeitete und wohnte Jost Bürgi auf dem Prager Hradschin, und zwar als Kaiserlicher Hofuhrmacher mit zwei Uhrmachergesellen. Den kurzsichtigen Johannes Kepler assistierend beobachtete er zusätzlich ebenfalls Fixsterne, Planeten, Sonne und Mond, genauso wie er es schon vorher während Jahrzehnten in Kassel praktiziert hatte. Mit seinen autonom weiterentwickelten Dezimalbruch-Rechenmethoden – die Kepler von ihm übernahm ((Ha174)) – sowie mit seinen Progresstabuln (Logarithmentafeln) beeindruckte er als Autodidakt ohne höhere Schulbildung den akademisch geschulten Mathematiker Kepler. Kepler bezeugt in seinem "Auszug aus der uralten Messekunst Archimedis", dass er von Bürgi das Verfahren der abgekürzten Multiplikation gelernt habe ((LW40)). Es gibt daher heute kaum noch einen Zweifel: ohne Bürgis Mathematik-Innovationen wären die Berechnungen Keplers nicht so schnell erfolgt und die Ellipsenform der Bahn des Mars und später der anderen Planeten um die Sonne nicht so zügig definiert worden.

Als Ende 1609 Galileo Galilei (1564-1642) erstmals ein Fernrohr zum Himmel richtete und die Unebenheiten der Mondoberfläche sowie bald darauf auch die vier grössten Jupitermonde entdeckte, hatte Johannes Kepler seine beiden ersten astronomischen Gesetze bereits seit einigen Jahren formuliert. Aus den jahrzehntelangen Aufzeichnungen Tycho Brahes sowie mit den eigenen und den früheren und aktuellen Beobachtungen Bürgis hatte er den elliptischen Verlauf der Bahn des Mars um die Sonne abgeleitet. Tycho Brahe war jedoch 1601 noch mit der Überzeugung gestorben, dass sich die Erde nicht um die Sonne drehe, aber die anderen Planeten. Und Galileo Galilei lehnte es zeitlebens ab, an die elliptischen Plantenbahnen Keplers zu glauben.

 

Als Erfinder der Logarithmen prägt Bürgi die Neuzeit entscheidend

Bereits fünf Jahre vor der Publikation seiner "Neuen Astronomie" (1609), zehn Jahre vor der Veröffentlichung der Napier-Logarithmen (1614) sowie zwei Jahrzehnte vor der Herausgabe der Brigg’schen Logarithmentafeln und seiner eigenen "Chilias logarithmorum" (1624) erlebte Johannes Kepler in der Prager Burg den Kaiserlichen Hofuhrmacher Jost Bürgi 1604 mit seinen selbstgeschaffenen mathematischen Tabellen und Präzisions-Werkzeugen an der Arbeit. Obwohl Bürgi seine von ihm "Arithmetische und Geometrische Progresstabuln" genannten Logarithmentafeln bereits viele Jahre vor John Napier (1550-1617) entwickelt und aufgeschrieben hatte, veröffentlichte Bürgi diese erst 1620 in nur wenigen Vorausexemplaren. Wegen dieser verspäteten Drucklegung stand er deshalb in Bezug auf die zeitliche Priorität dieser Logarithmen-Innovation nicht unverschuldet – aber zu Unrecht – lange Zeit im Schatten des schottischen Lords. Bereits seit Nicolaus "Ursus" Reymers Bezeugung, dass Bürgi schon 1587 über ein Mittel verfügte, komplizierte Rechnungen zu vereinfachen ((LW101)), spätestens aber seit der Aussage Keplers im Vorwort zu den "Rudolphinischen Tafeln" (1627), dass Bürgi schon viele Jahre vor der Napierschen Publikation die Logarithmen entwickelt hatte, war – zumindest für Eingeweihte im deutschsprachigen Raum – diese Prioritätenfrage geklärt. Doch auch in Bezug auf die qualitative Seite besetzt Bürgis Lösung nach Auffassung Heinz Lutstorfs von der ETH Zürich den Spitzenplatz: "Im Unterschied zu Napiers Tafeln sind die Bürgischen echte Logarithmentafeln im modernen Sinne" ((LW13)). Mit seiner Berechnungsmethode der Sinuswerte ist Bürgi ebenfalls zum Begründer algebraischer Methoden in der Geometrie zu zählen, gemäss Lutstorf vergleichbar mit dem Einfluss von Descartes ((LW41)). Als praktisches Instrument für die Umsetzung von Proportionen entwickelte Bürgi den Reduktionszirkel mit verschiedenen Skalen als Vorläufer des Rechenschiebers.

Während dreieinhalb Jahrhunderten – bis zur Verbreitung des Computers – blieben Logarithmen und logarithmische Rechenschieber das zentrale Rechenwerkzeug in Wissenschaft und Technik. Ohne diese heute bereits weitgehend vergessenen Hilfsmittel ist die Erschaffung vieler Werke der Neuzeit und sind die Konstruktionen des Industriezeitalters bis hin zur Weltraumfahrt kaum vorstellbar.

 

Die Revolutionen der Planeten, des Glaubens, der Wissenschaft und der Kunst

Jeder dieser vier im christlichen Glauben verankerten Wissenschafter Brahe, Galilei, Kepler und Bürgi hatte darunter zu leiden, dass er die Prinzipien der Natur als elementarer und wahrer betrachtete als die absolutistischen und vielfach unlogischen Vorschriften kirchlicher und fürstlicher Gesetzgeber. Und jeder dieser Pioniere regte mit seinen Leistungen nicht nur andere Wissenschafter an, sondern mit seiner Persönlichkeit und seinem Lebensweg vielfach auch grosse Künstler.

 

Ein perfider Mord an Brahe

Wie man erst in den letzten Jahren herausfand, wurde der dänische Exilant Tycho Brahe 1601 in Prag mit Quecksilber ermordet – und das anscheinend von einem aus seinem Geburtsland eingereisten Verwandten ((S)). Somit hätte die dänische Geschichte dem Zeitgenossen William Shakespeare für sein im Todesjahr Brahes begonnenes Drama über den dänischen Prinzen Hamlet also auch noch Stoff geboten für einen perfiden Wissenschaftermord. Vor einigen Jahren wurde dieser Mord sogar Kepler angedichtet, doch könnte dahinter nach neuesten Vermutungen in Wirklichkeit der auch sonst recht erfolgreiche Dänenkönig Christian IV stecken – falls sich Brahe nicht gar unabsichtlich selbst vergiftet haben sollte. Als Max Brod 1915 seinen Roman "Tycho Brahes Weg zu Gott" schrieb, ahnte er noch nichts von diesen tragischen Verwicklungen.

 

Galilei vor dem Inquisitionstribunal und Kepler auf dem Index

Auch Galileo Galilei geriet in Lebensgefahr: Er musste vor dem Inquisitionstribunal die in seinem Werk "Dialogo" (1632) geäusserte Präferenz für das kopernikanische Weltbild als Irrtum und Ketzerei widerrufen, wurde zu in Hausarrest umgewandelter Kerkerhaft verurteilt und mit einem Publikationsverbot belegt, was schliesslich Bertolt Brecht 1939 bühnentauglich nachzeichnete. Und der geplagte Kaiserliche Mathematiker Johannes Kepler musste sich nach seinem Wegzug aus dem nach dem Tode Rudolfs II 1612 für ihn unsicher gewordenen Prag nicht nur in einem Hexenprozess für seine Mutter wehren, sondern fand 1619 auch sein Werk "Epitome Astronomiae" auf dem Index und war in Graz und Linz vor der Gegenreformation auf der Flucht. Trotz seiner grossen wissenschaftlichen Leistungen erhielt er in seiner protestantischen Heimat Württemberg keine Professorenstelle, weil er als getaufter Lutheraner auch calvinistisches Gedankengut nicht ablehnte und weil er sogar für die gregorianische Kalenderreform eingetreten war. In seinen drei letzten Lebensjahren nahm er im schlesischen Sagan eine Anstellung beim Kaiserlichen Generalissimus Albrecht von Wallenstein zur astrologischen Beratung an, die er jedoch nach der Entlassung des Feldherrn ebenfalls verlor bevor er kurz darauf 1630 in Regensburg starb. In seiner Oper "Die Harmonie der Welt" von 1957 bringt der Komponist Paul Hindemith Keplers Weltsicht und Leben zum Klang.

 

Jost Bürgi hatte zum Talent und Fleiss auch ein Quentchen Glück

Am besten von diesen vier Protagonisten der wissenschaftlichen Neuzeit, aber auch nicht ganz ungeschoren, kam eigentlich der am 28. Februar 1552 geborene Jost Bürgi davon. Sein Grossvater Lienhard Bürgi hatte sich als Lichtensteiger Stadt- und Landweibel mutig gegen den St.Galler Fürstbischof gestellt, obwohl sein Toggenburger Landsmann Huldrych Zwingli bei seinem Einsatz für den reformierten Glauben in der Nähe von Zürich sogar zu Tode gekommen war. Wahrscheinlich veranlasste diese Konstellation – zusammen mit den schlechten Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten im konfessionell gespaltenen 400-Seelen-Dorf Lichtensteig – den jungen Jost Bürgi, seinen Heimatort zu verlassen. Nur auf diese Weise konnte er die ihm von Dorflehrer Christen Schmalholz in nur wenigen Schuljahren beigebrachten elementaren Lese- und Rechenkenntnisse sowie die eventuell in der familiären Schmiede bereits angeeigneten Fähigkeiten der Metallbearbeitung mit einer Lehre als Zirkelschmied und Uhrmacher in der Fremde erweitern und nutzen.

Der Berufsweg führte Jost Bürgi wahrscheinlich nach Strassburg, wo seine Diessenhofener Landsleute Josias und Isaak Habrecht 1570-1574 gerade an der Fertigung der zweiten Version der astronomischen Münsteruhr arbeiteten, für die auch der Mathematiker Konrad Dasypodius Berechnungen und Pläne erstellt hatte. Dieser Schaffhauser Landsmann könnte es auch gewesen sein, der Bürgi in seiner alemannischen Muttersprache in die damaligen Kenntnisse des Umgangs mit Zahlen einführte. Auch Nürnberg, Augsburg oder Cremona könnten als damalige Hochburgen der Uhrmacherkunst Stationen des Wanderburschen Jost gewesen sein. Die hohe Qualität seines Könnens ist verbürgt – nicht jedoch die Orte, an denen er es erwarb ((O2/2)).

In der elsässischen Metropole Strassburg hatte auch jener zukünftige Landgraf Wilhelm IV Mathematik und Astronomie studiert, der Bürgi 1579 als Hofuhrmacher nach Kassel holte, um dort an einer führenden Sternwarte das Instrumentarium auf den neuesten Stand der Wissenschaft zu bringen und angesichts des kopernikanischen Modells die Erforschung des Himmels und seiner Gesetze voranzutreiben. Zusätzlich zu seinen Sextanten, Himmelsgloben und Sekunden-Orientierungsuhren baute Bürgi hier 1591 mutig auch eine astronomische Äquations-Tischuhr, die ketzerisch das heliozentrische Weltmodell illustrierte. Das war damals nicht ungefährlich, wurde wegen seines Eintretens für dieses kopernikanische Weltbild doch im Jahr 1600 der Wissenschafter Giordano Bruno in Rom von der Inquisition auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Ab 1604 arbeitete Jost Bürgi als Kaiserlicher Hofuhrmacher auf dem Hradschin in Prag und erhielt von allen damals am Hof angestellten Wissenschaftern und Künstlern mit sechzig Gulden die höchste Entlöhnung ((L156)). Nicht für seine Uhrmacherkunst, sondern für seine wissenschaftlichen Leistungen als Mathematiker wurde Jost Bürgi am 16. März 1609 von Kaiser Rudolf II sogar in den Adelsstand erhoben. Wie für Kepler, veränderte sich mit dem Tod des toleranten und wissenschaftsbegeisterten Kaisers Rudolf II ab 1612 auch für den Protestanten Bürgi die Situation entscheidend. Zweimal kehrte er in den Folgejahren für einige Zeit nach Kassel zurück. Als in Prag 1618 mit dem Fenstersturz der böhmischen Adeligen der Dreissigjährige Krieg ausgebrochen und 1620 die Schlacht am Weissen Berg verloren war, verliess der Protestant Jost Bürgi nach Prager Quellen 1622 die Stadt ganz ((L162)). Deshalb und wegen Geldmangels konnten wahrscheinlich auch der Auflagendruck seiner "Arithmetischen und Geometrischen Progresstabuln" sowie die Redaktion und die Korrekturen der beizufügenden Benutzungsanleitungen nicht abgeschlossen werden. Eine Anfrage des Feldherrn Wallenstein nach der Erstellung eines Horoskops hatte Jost Bürgi anscheinend selbstbewusst abgelehnt, weil das doch nur für Esel und Dummköpfe passe. Und das sei er wohl nicht. Gemäss anderen Berichten lebte Jost Bürgi sogar bis 1631 in Prag, bevor er inmitten der schlimmsten Kriegswirren endgültig nach Kassel zurückkehrte und dort am 31. Januar 1632 hochverehrt starb.

Als persönliches Meisterstück seiner Uhrmacherkunst betrachtete Jost Bürgi selbst seine 1610 gebaute Bergkristalluhr mit getrennten Stunden-, Minuten- und Sekundenanzeigen, Armillarsphäre, Mondblatt, Kreuzschlaghemmung, Wiederaufzug und Bergkristall-Sternenglobus (heute im Kunsthistorischen Museum Wien). Einen so hohen Stand der Uhrmacherkunst hatte die Welt noch nie gesehen und sollte man erst wieder im 18. Jahrhundert in London und im Neuenburger Jura erreichen. Der kunstvollste der Bürgi-Himmelgloben ist seit 1983 im Landesmuseum Zürich ausgestellt; andere Himmelsglobus-Exemplare aus der Hand Bürgis befinden sich heute in Kassel, Dresden, Wien, Paris und London.

Der Drehbuchautor und Regisseur Michael Havas schuf über Jost Bürgi mit der Zürcher Condor-Film 1990 einen Dokumentarfilm ("Himmel hab’ ich gemessen"), der von den grossen öffentlichen Fernsehsendern der Schweiz, Deutschlands, Tschechiens und Neuseelands ausgestrahlt wurde und der in den USA und in Japan Auszeichnungen erhielt ((H)) Ausgezeichnet als europaweit schönste Briefmarke zum Thema "Bedeutende Werke menschlichen Geistes" wurde ebenfalls eine Sonderbriefmarke der Schweizer Post von 1983, die Jost Bürgis Himmelglobus zeigt. Als man an Keplers Geburtsort Weil der Stadt 1871 zu Ehren des schwäbischen Gelehrten ein Denkmal schuf, stellte man es auf einen Sockel, den neben Medaillons von Kopernikus, Brahe und anderen auch eines mit Jost Bürgi schmückt. Dass wie für Galilei, Kepler und Brahe auch nach Bürgi ein Mondkrater benannt wurde (Byrgius), erinnert für immer an seine astronomische Bedeutung.

 

Für Sekunden so berühmt wie Albrecht Dürer – und heute vergessen?

Das Renaissance-Universalgenie Jost Bürgi hat wenig geschrieben sowie viel erfunden und geleistet, aber Jahrhunderte gebraucht, bis all seine Kompetenzen und Innovationen in ihrer ganzen Brillanz verstanden und sichtbar wurden. So hätte das heutzutage gültige Verdikt des "Publish or Perish" diesen grossen Jost Bürgi in Bezug auf seine wissenschaftliche Leistung beinahe schon damals ereilt! Dies obwohl ihm bereits sein Freund Johannes Kepler prophezeit hatte, "er werde als Uhrmacher und Mathematiker wohl einmal so berühmt werden wie es Albrecht Dürer als Maler gewesen ist". Im Jahr der Astronomie 2009 ist es gut, sich dieses leisen Schweizers wieder einmal einige Sekunden lang zu erinnern. Wer es ausführlicher tun möchte, dem sei dafür die Lektüre der im Anhang genannten Publikationen empfohlen – vor allem derjenigen Heinz Lutstorfs und Ludwig Oechslins.

Besonders bedauerlich ist es, dass momentan keine Betrachtungsmöglichkeit des dreiteiligen, insgesamt 135-minütigen Dokumentardramafilms von Michael Havas "Himmel hab’ ich gemessen" besteht und dass im Jahr der Astronomie auch keine Fernsehausstrahlung vorgesehen ist. Der Film ruht versunken im Archiv des Schweizer Fernsehens und wäre noch immer sehr aktuell und bereichernd. Im audiovisuellen Digitalzeitalter scheint es für den leisen Schweizer Jost Bürgi noch gefährlicher geworden zu sein, übersehen oder leider ganz vergessen zu werden – und dies, obwohl gerade er es mit seinen mathematischen Methoden vorbereitete...

Fritz Staudacher, Widnau

 

 

Anmerkungen und Bibliographie

G: Generalkonferenz für Mass und Gewicht, 20. Oktober 1983. Eine Sekunde wurde dabei definiert als "das 9 192 631 770-fache der Periodendauer der dem Übergang zwischen den beiden Hyperfeinstrukturniveaus des Grundzustandes von Atomen des Nuklids 133Cs entsprechenden Strahlung". Ein Meter wiederum "ist die Strecke, die das Licht im Vakuum in einer Zeit von 1/299 792 458 Sekunde zurücklegt".
H: Michael Havas (Film-Drehbuch und Regie): Himmel hab’ ich gemessen / The Cosmic Triangle. Condor-Film Zürich 1990 (Produzent: Rüdiger Findeisen).
Ha: Heinz-Dieter Haustein: Weltchronik des Messens. Walter de Gruyter, Berlin 2001.
He: Christian Heitzmann (Herausgeber): Die Sterne lügen nicht. Ausstellungskatalog der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel 2008.Harrasowitz-Verlag Wiesbaden in Kommission.
L: Heinz Lutstorf: Die Logarithmentafeln Jost Bürgis. Bemerkungen zur Stellenwert- und Basisfrage. Schriftenreihe der ETH-Bibliothek, Wissenschaftsgeschichte Band 3, Zürich 2005.
Lö: Hans Löffel: Das mathematische Werk Jost Bürgis. In: Toggenburgerblätter für Heimatkunde 34, 1982. S. 37-46.
LW: Heinz Lutstorf und Max Walter: Jost Bürgi’s Progress-Tabulen, nachgerechnet und kommentiert. Schriftenreihe der ETH-Bibliothek, Nr. 28. Zürich 1992.
O1: Ludwig Oechslin: Der Bürgi-Globus. Schweizerisches Landesmuseum Zürich, 2000.
O2: Ludwig Oechslin: Jost Bürgi. Verlag Ineichen, Luzern 2000.
M: Armin Müller: Herkunft und Lebensweg Jost Bürgis. In: Toggenburgerblätter für Heimatkunde 34, 1982. S. 7-20.
P: Thomas de Padova: Das Weltgeheimnis. Kepler, Galilei und die Vermessung des Himmels. Piper München 2009.
S: Matthias Schultz: Giftspur im Sternenschloss. In: Der Spiegel 3/2009, S. 112-114.
T: Rasid Takiyyüddin, Sevim Tekeli: Takiyyüddin. 2002. ISBN 975-17-2291.
To: Hüseyin Gazi Topdemir/Rasid Takiyyüddin: Die Eigenschaft von Licht und das Wesen des Sehens. 1999.
W: Johann Wenzel: Jost Bürgi als Künstler der Mechanik. In: Toggenburgerblätter für Heimatkunde 34, 1982. S. 21-36.

 

[Veröffentlicht: Mai 2009]