Anlässlich des 100. Geburtstags von Carl Friedrich von Weizsäcker veranstaltet die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina, Nationale Akademie der Wissenschaften, in Halle vom 20. bis 22. Juni 2012 eine Tagung zum Thema "Physik, Philosophie und Friedensforschung". Unter anderem wird auch das Verhältnis Heisenbergs zu von Weizsäcker untersucht, das anscheinend nicht immer spannungsfrei war, wie sich im jüngst veröffentlichten Band zeigt: "Werner Heisenberg, Elisabeth Heisenberg: Meine liebe Li! Der Briefwechsel 1937-1946". Herausgeben von Anna Maria Hirsch-Heisenberg. Residenz Verlag St. Pölten 2011. 349 Seiten, zahlreiche Abbildungen. 29,90 Euro.

 

Neues zum Verhältnis von Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker ?

Carl Friedrich von Weizsäcker
(Quelle: Uni Göttingen)
Werner Heisenberg (Zeichnung von H. E. Köhler, um 1970)

Dieter Hoffmann, MPI für Wissenschaftsgeschichte Berlin

Erstdruck FAZ, 16.11.2011, S. N3 (leicht gekürzt)

 

Kennen gelernt hatte man sich bereits in jungen Jahren, im Winter 1926/27 in Kopenhagen, wo Carl Friedrich von Weizsäckers Vater als Diplomat in der deutschen Botschaft arbeitete. Werner Heisenberg lehrte damals als Gastdozent an der Kopenhagener Universität und war gerade dabei, zusammen mit seinem Mentor Niels Bohr, die Grundlagen der Quantenmechanik zu formulieren und damit die klassische Physik endgültig aus den Angeln zu heben. Dem gerade erst 14jährigen und bereits an philosophischen Fragen interessierten Gymnasiasten gab Heisenberg den Rat: "Physik ist ein ehrliches Handwerk; erst wenn Du das gelernt hast, darfst Du darüber philosophieren." Weizsäcker ist diesem Rat gefolgt, studierte Physik und konnte sich zu einem der führenden Physiker seiner Zeit, aber auch zu einem hoch anerkannten Wissenschaftsphilosophen und Friedensforscher des zwanzigsten Jahrhunderts profilieren. Aus der Kopenhagener Begegnung wurde so eine lebenslange wissenschaftliche Partnerschaft und Freundschaft, über der jedoch seit jüngstem ein großes Fragezeichen steht. Im soeben erschienenen Briefwechsel zwischen Heisenberg und seiner Frau Elisabeth findet sich ein Brief vom Herbst 1943, in dem sich Heisenberg höchst kritisch über seinen ehrgeizigen und sich zuweilen sehr aristokratisch, wenn nicht gar arrogant gebärenden Meisterschüler und Freund äußert:

"Ich verstehe mich im Grunde überhaupt nicht mit ihm; diese Art, alles prinzipiell zu nehmen und überall die 'letzte Entscheidung' zu erzwingen, ist mir so völlig fremd. Weizs. kann so Sätze sagen, wie etwa: er wäre in einer total zerstörten Stadt ganz zufrieden, denn dann wisse man sicher dass das nicht wiederkäme und dass die Menschen, aus dem Erlebnis von Schuld und Strafe reif würden zu einer anderen Art zu denken – womit dann der neue Glaube gemeint ist, zu dem er sich selbst bekennt. Dann sagt er weiter, dass dieser Glaube natürlich dem der alten Welt, d.h. der Angelsachsen, unversöhnlich feind sei und dass ja auch Christus gesagt habe, er sei nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert -, worauf man dann wieder so weit ist, wie am Anfang, d.h. wer nicht das Gleiche glaubt, wie ich, muss ausgerottet werden. Mir ist dieser ewige Zirkel von Glauben an die heiligsten Güter, die mit Feuer u. Schwert verteidigt werden müssen, ganz unerträglich; offenbar bin ich darin ganz undeutsch, und ich gerate in einer solchen Diskussion entgegen sonstiger Gewohnheit in so heftige Opposition, dass ich am Schluss nur noch das langweilige Spießertum verteidigen kann." (14.10.1943)

In der vorliegenden Literatur zu beiden Gelehrten ist von einem Dissens keine Rede. Vielmehr wird ihr Verhältnis als harmonisch und freundschaftlich beschrieben, wobei Wolfgang Pauli in Weizsäcker aber auch eine Art 'schwarzer Schatten' sah und manche Biographen in ihm den "Advocatus Diaboli" Heisenbergs zu sehen meinen. Gegenüber seiner Mutter hatte Heisenberg selbst im Herbst 1934 bekannt:

"Zu der uns umgebenden äusseren Welt habe ich wohl beinahe die gleiche Stellung wie Du. Nur die Freundschaft mit Carl Friedrich, der sich mit dem ihm eigenen Ernst mit der Umwelt auseinandersetzt, lässt mir einen kleinen Zugang in das mir sonst fremde Gebiet offen." (8.10.1934)

Von Heisenbergs "lebensweltlichem oder gar politischem Gewissen" weiß man, dass Weizsäcker nach der nationalsozialistischen Machtübernahme zunächst gewisse Sympathien für den Nationalsozialismus empfunden hatte, glaubte er doch, dass dieser dem krisengeschüttelten Deutschland neue Hoffnung und Perspektiven geben sowie das nationale Selbstbewusstsein stärken würde. Allerdings verachtete er Hitler und lehnte die NS-Rassenlehre mit ihrem militanten Antisemitismus kategorisch ab. Dies schütze ihn davor - im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen und Kollegen - Mitglied der NSDAP zu werden. Seine Haltung im Dritten Reich und zum Nationalsozialismus gründete sich so auf ein elitäres Selbstverständnis und auf ein sich nicht zuletzt auf Stefan George beziehende zivilisationskritische Überzeugung, dass der Untergang der bürgerlichen Gesellschaft bevorstünde und die künftige Gesellschaft von einer elitären Minderheit zu gestalten sei. Mit letzterer waren mitnichten die Nationalsozialisten gemeint und deshalb sollte auch im oben zitierten Brief der dort erwähnte "neue Glaube" nicht unbedingt und kurzschlüssig als Nationalsozialismus gelesen werden. Dagegen spricht auch der explizite Christusbezug und die Herausstellung religiöser Elemente, die für die NS-Ideologie und -Weltanschauung eher untypisch waren. Weizsäcker selbst und der ihm umgebende Kreis von Vertrauten wie z.B. der spätere Pädagoge und Religionsphilosoph Georg Picht verstanden sich als Mitglieder einer elitären Minderheit und vielleicht auch als Träger eines "neuen Glaubens". Von Weizsäckers diesbezüglichem Selbstbewußtsein zeugen seine Gespräche mit seinem Freund und Gesinnungsgenossen im Winter 1938/39 über die Konsequenzen der Uran-Kernspaltung, bei deren Entdeckung er gewissermaßen Augenzeuge gewesen war. Man erkannte sofort, dass die Jahrhundert-Entdeckung eine Waffe mit bislang unbekannter Zerstörungskraft möglich machen würde und die Menschheit nur die Wahl habe, die Institution des Kriegs entweder zu überwinden, oder sich selbst zu vernichten; man verstieg sich sogar zu der wahnwitzigen Hybris, auch Hitler - quasi mit dem Bauplan der Atombombe in der Hand - davon überzeugen zu wollen, deshalb von seinen Kriegsplänen abzulassen. Als Experte und Elite wollte man schließlich gehört werden und Zugriff auf die politischen Macht gewinnen!

Fachliche Kompetenz und Überzeugung führten Weizsäcker so in den deutschen Uranverein, der ab 1940 von seinem wissenschaftlichen Mentor Heisenberg geleitet wurde und sich mit der Entwicklung einer Uranmaschine, d.h. eines Atomreaktors beschäftigte. Dass man in diesem wohl auch intensiv und sehr konkret über Atombomben nachgedacht hatte, machen nicht zuletzt Weizsäckers Arbeiten zum Plutonium als Kernsprengstoff und mehrere damit im Zusammenhang stehende Patentanmeldungen für eine Plutoniumbombe deutlich. Ein anderes Dokument von Weizsäckers damaligen politischen Illusionen bzw. Fehlurteilen ist die Reise, die ihn zusammen mit Heisenberg im Herbst 1941 zu Niels Bohr ins besetzte Kopenhagen führte. Sollte sie Weizsäcker zufolge die mögliche Einflussnahme der Physiker auf die weltweite Entwicklung von Nuklearwaffen ausloten, so wurde sie von Bohr als Kollaborationsangebot empfunden. Ob letzteres tatsächlich zu den Intention der beiden deutschen Physiker gehörte oder doch eine "Internationale der Physiker" geschmiedet werden sollte, darüber gibt es bis heute sehr emotional geführte Diskussionen unter Physikern und Historikern. Auf jeden Fall war die vermeintlich so apolitische Physik und selbst die Freundschaft ihrer Protagonisten damals zu einer hochpolitischen Angelegenheit geworden.

Keineswegs zufällig gehörte Weizsäcker zu jenen deutschen Atomphysikern, die von den Alliierten nach Kriegsende interniert wurden. Im englischen Farm Hall erfuhr man vom Abwurf amerikanischer Atombomben auf Japan, was für Weizsäcker zum "Höhepunkt des Katastrophenerlebens" wurde. In Farm Hall wurde aber auch ganz wesentlich durch Weizsäcker jene Sprachregelung gefunden, dass in Deutschland die Atombombe nicht entwickelt wurde, weil man sie nicht entwickeln wollte. Dieser absichtsvollen Schutzbehauptung stehen nicht nur Weizsäckers Bombenpatente, sondern auch andere Forschungsbemühungen deutscher Physiker entgegen. Weizsäckers Haltung im Dritten Reich führte so dazu, dass in der Nachkriegszeit insbesondere in den angelsächsischen Ländern einige Kollegen zu ihm auf Distanz gingen und er erst relativ spät zu Vorträgen in die USA eingeladen wurde; von solchen Ressentiments ebenfalls beeinflusst, ist wohl die Tatsache, dass ihm für seine Aufklärung der Energieproduktion in Sternen (Bethe-Weizsäcker-Zyklus) und anderer herausragender wissenschaftlicher Leistungen trotz wiederholter Nominierungen der Nobelpreis versagt blieb.

Weizsäcker hat sich nach dem zweiten Weltkrieg aber nicht nur zu obiger Schutzbehauptungen verstiegen, sondern sich auch zu seinem Konformismus im Dritten Reich bekannt und als seinen größten Fehler bezeichnet, gedanklich u.a. im folgenden, in Farm Hall geschriebenen Sonett verarbeitet:

Ich ließ mit sehendem Aug in dunklen Jahren
Schweigend geschehn Verbrechen um Verbrechen.
Furchtbare Klugheit, die mir riet Geduld!
Der Zukunft durft ich meine Kraft bewahren,
Allein, um welchen Preis! Das Herz will brechen.
O Zwang, Verstrickung, Säumnis! Schuld, o Schuld!

Die im Dritten Reich gemachten schuldvollen Erfahrungen haben sicherlich ganz wesentlich dazu beigetragen, dass Weizsäcker nach dem zweiten Weltkrieg in Deutschland zum Prototyp des politischen Wissenschaftlers wurde. Als solcher bezog er zu zahlreichen zeitgenössischen Kontroversen und wichtigen Problemen wiederholt und pointiert in der Öffentlichkeit Stellung. Am bekanntesten wurde seine Initiative, die 1957 zur Erklärung der "Göttinger Achtzehn" führte und vehement jede Beteiligung an der Entwicklung einer deutschen Atombombe ablehnte. Von der Sorge um einen Atomkrieg getrieben, hat er auch später immer wieder die Möglichkeiten einer dauerhaften Kriegsverhütung und Friedenssicherung hinterfragt - u.a. in dem von ihm gegründeten und bis 1980 geleiteten Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich technischen Welt. Sowohl die Gründung des Starnberger Instituts als auch die Göttinger Erklärung wurden im Übrigen ganz wesentlich von Werner Heisenberg mitgetragen, so dass die größere Verstimmung beider Gelehrter vom Herbst 1943 anscheinend nur temporär war und offenbar keine nachhaltigen Auswirkungen auf ihre Zusammenarbeit und Freundschaft gezeigt hat.

 

[Veröffentlicht: Februar 2012]