Innerhalb der Serie der Physik-Anekdoten wollen wir in Zukunft auch "Zeitzeugen" bitten, über die Zeit ihrer Dissertation zu berichten. Dabei sollen neben den physikalischen Fragestellungen jener Tage auch die damals gehegten Erwartungen und der damalige Stellenwert der Forschung in der Gesellschaft geschildert werden. Speziell jüngere Kolleginnen und Kollegen mögen sich dann ihre Gedanken machen, was sich seitdem - und in welcher Richtung - geändert hat? Der erste Beitrag kommt von Prof. Hans Beck, der 2010 zum SPG - Ehrenmitglied ernannt wurde. Seine Biographie finden Sie in den SPG-Mitteilungen Nr. 31 auf Seite 10.

 

 

Zeitzeugen: "Erinnerungen an meine Studienzeit"

Hans Beck, Honorarprofessor der Universität Neuchâtel

Physik studieren ist eine Herausforderung, die Begeisterung und Einsatz verlangt. Daran hat sich wohl seit meiner Studienzeit – den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts – nichts geändert. Zwei Aspekte haben sich wohl gewandelt: die Lebensweise der Gesellschaft, die natürlich ihren Einfluss auf das Leben jedes Studenten hat, und die Einsichten und die Kenntnisse des Faches Physik selber, die bereichert worden sind.

"Studenten haben es schön: sie können machen, was sie wollen und ihr Studium nach ihrer täglichen Laune organisieren…". Das hörte ich von älteren Bekannten, noch bevor ich den Schritt ins Physikinstitut der Uni Zürich wagte. Ich habe bald erkannt, dass dies für ein naturwissenschaftliches Studium nicht mehr wirklich zutraf. Es war zwar noch möglich, sich bei der Immatrikulation für einen Studiengang zu entscheiden, der irgendwann direkt beim Doktortitel endete und den man ziemlich frei gestalten konnte, um schliesslich erst am Ende alle Prüfungen abzulegen. Einer meiner Studienkollegen entschied sich für diesen Weg, hat aber nach einiger Zeit dann doch zum klar geordneten Diplomstudiengang hinübergewechselt.

Man kann sich jedoch fragen, ob die Bolognaphilosophie, welche heute auch den kleinsten Teil des Lehrganges mit einer Erfolgsbestätigung abhaken will, schlussendlich nicht zum "Akademischen Kindergarten" führt. Die Vor- und Nachteile eines solchen Bildungssystems können dann die heutigen Studenten beurteilen, wenn sie in 50 Jahren ihre Erinnerungen zu Papier bringen werden…

Im Übrigen war das Leben in jenen Jahren von viel Optimismus geprägt. Die Nachkriegszeit, in der man häufig sagte: "Dies ist leider nicht mehr Vorkriegsqualität!", war vorbei, und die positive Wirtschaftslage liess keine Befürchtungen mehr aufkommen. Mein Vater erklärte mit Überzeugung, Arbeitslosigkeit werde es mit Sicherheit nie mehr geben. Er hat zum Glück die Welt verlassen, bevor er sich vom Gegenteil seiner Prognose überzeugen lassen musste.

Das Jahr 1968, das ich als Doktorand erlebte, ist zum Symbol dafür geworden, dass eben doch nicht alles so verlief, wie insbesondere Hochschulstudenten es sich wünschten. Ich erinnere mich zwar noch an die Diskussionen und Ereignisse jenes Jahres, aber man kann wohl doch sagen, dass die Naturwissenschaften davon weniger betroffen waren. Man hatte eben so viel zu tun, dass man sich nicht ohne Grund und Überzeugung an Zusammenkünften und Demonstrationen beteiligte.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat die Physik verschiedene revolutionäre Entwicklungen erlebt. Die neuen Erkenntnisse waren natürlich längst in unseren Studienplan eingeflossen, aber wir hatten das grosse Vorrecht, einige der grossen Pioniere noch direkt zu kennen und von ihrem persönlichen Engagement für die Entwicklung der Physik zu profitieren. Am eindrücklichsten ist mir Walter Heitler in Erinnerung geblieben, von dem ich einen grossen Teil der theoretischen Physik lernte. Der Ton in seinen Vorlesungen klang zwar häufig ein wenig gelangweilt, und die Hefte, in denen er seine Botschaft niedergeschrieben hatte, waren von vieljährigem Gebrauch ziemlich dem Zerfall nahe. Wenn es aber um Quantenmechanik ging, dann spürte man noch die Begeisterung des jungen Theoretikers, der um 1930 herum wesentliche Beiträge zu deren Entwicklung geliefert hat. Leider ist sein Kollege London, mit dem er die quantenmechanische Beschreibung von Molekülen erarbeitete, zu früh verstorben, sodass ihm der Nobelpreis versagt blieb. Er hat dafür andere verdiente Auszeichnungen erhalten. Ich habe damals auch mit grossem Genuss seine Schrift "Der Mensch und die naturwissenschaftliche Erkenntnis" gelesen, in der man sein Interesse an der Erforschung von Zusammenhängen zwischen Physik und Erkenntnistheorie entdeckt und von seiner Fähigkeit, auch komplizierte Sachverhalte einfach und allgemeinverständlich darzustellen, sehr beeindruckt ist. Als ich meine zukünftige Frau kennen lernte, stützte ich mich gerne auf Heitlers Darstellungen in diesem Buch, um sie zu überzeugen, dass auch Physiker interessante und vernünftige Menschen sind…

Hans Staub, der vor seiner Berufung an die Universität Zürich in Los Alamos tätig gewesen war, hat mir mit seiner begeisternden Art, experimentelle Zusammenhänge zu erläutern und mit Demonstrationen fassbar zu machen, zu einer festen Grundlage in klassischer Physik verholfen, was umso wichtiger war, als meine Mittelschulkenntnisse etwas beschränkt waren. Dass er uns auch erklärte, dass die Buchstabenkombination "g-o-t-t" in der Welt eines ehrlichen Physikers keine Bedeutung habe, hat dem keinen Abbruch getan.

Unsere Arbeit als Doktorand beruhte, wenigstens in der theoretischen Physik, stark auf unserer eigenen Initiative. Der Doktorvater schlug einen Themenbereich vor und überliess es dann dem jungen Wissenschaftler, darin seinen eigenen Weg zu finden. Ich erinnere mich mit Dankbarkeit an die Diskussionen, die ich mit meinen Kollegen haben konnte, und an das recht vielseitige Angebot an weiterführenden Vorlesungen, von dem wir gerne profitierten. Die Gestaltung der Doktorandenausbildung, auf die man heute – mit Recht – sehr viel Wert legt, ist also nicht eine Erfindung des neuen Jahrhunderts!

Natürlich waren auch Seminarien und Kolloquien besonders lehrreich und spannend, besonders angesichts der Tatsache, dass hier neben Walter Heitler auch andere begeisterte Theoretiker, wie Armin Thellung und die ETHZ-Kollegen Fierz und Jost, miteinander diskutierten. Sie hatten ja noch mit den ganz grossen Pionieren wie Wolfgang Pauli zusammengearbeitet. Wenn dann gar Werner Heisenberg oder Felix Bloch als Kolloquiumsgast auftraten, stieg die Spannung fast ins Unermessliche!

Die Beziehungen zwischen Physikern und der Gesellschaft waren eigentlich relativ entspannt. Dass Physiker mit ihren Forschungsarbeiten die Verwendung von Kernenergie für kriegerische Zwecke ermöglichten, hatte die Weltbevölkerung direkt miterlebt, aber die Kriegsjahre lagen ja schon um einiges zurück. Der Einsatz dieser Energiequelle für Stromerzeugung war im Begriff, Wirklichkeit zu werden und wurde als willkommene Neuerung angesehen. Die Entsorgung der Abfälle war ja am Anfang auch noch nicht das dringendste Problem. Ich erinnere mich aber gut, dass Walter Heitler dieses Problem voll erkannte. Bei einer Kaffeepause im Institut erklärte er einmal, dass ihm die sorglose Verwendung von Kernenergie ohne Kenntnis von brauchbaren Methoden zur Abfallbeseitigung genau so vorkomme, wie wenn ein Doktorand seine Arbeit einreichte und dabei zugäbe, dass er die wesentlichen Fragen seines Forschungsprojektes dann vielleicht viel später einmal beantworten würde. Hier stehen wir also einem Problem gegenüber, das sich seit meiner Studentenzeit verschärft hat und heute immer noch Wissenschaftler und Politiker beschäftigt. Da sind also unsere jungen Kollegen in verschiedenen betroffenen Wissenschaftsgebieten herausgefordert, im Dienste der Allgemeinheit neue und von allen akzeptierte Lösungen für seit unserer Jugend bekannte Probleme zu finden!

 

[Veröffentlicht: Februar 2011]