In den letzten Jahren wogte um die Person des Physikers Peter Debye eine nicht immer sachlich geführte Auseinandersetzung über seine politische Rolle während der Zeit des Dritten Reiches in Deutschland. Da Debye auch während seiner Forschungsjahre in der Schweiz als SPG-Präsident amtete, wird eine wissenschaftshistorische Bewertung der damaligen Vorgänge viele unserer Mitglieder interessieren. Frau Kärin Nickelsen von der Uni Bern bespricht im Folgenden das jüngst erschienene Buch zweier ausgewiesener Kenner der Debye-Affäre:
Dieter Hoffmann, Mark Walker (Hrsg.): "Fremde" Wissenschaftler im Dritten Reich. Die Debye-Affäre im Kontext.

 

 

Der Fall "Debye"

Dieter Hoffmann, Mark Walker (Hrsg.):
"Fremde" Wissenschaftler im Dritten Reich. Die Debye-Affäre im Kontext.
Wallstein-Verlag: Göttingen, 2011 (512 Seiten; 69.90 CHF).

Kärin Nickelsen, Universität Bern

 

Peter Debye (1884-1966) war einer der begabtesten und erfolgreichsten Physiker des 20. Jahrhunderts, der sich sowohl mit experimentellen als auch mit theoretischen Beiträgen profilierte. Daneben wirkte Debye auch wissenschaftsorganisatorisch in höchsten Positionen: so war er in den Jahren 1925 bis 1927 Präsident der Schweizerischen Physikalischen Gesellschaft (SPG); in den Jahren 1937 bis 1939 Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG).

Debyes wissenschaftliche Karriere begann mit einer Promotion bei Arnold Sommerfeld in München; und führte ihn, nach Stationen in Zürich, Utrecht, Göttingen und Leipzig, im Jahr 1936 nach Berlin, als Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts (KWI) für Physik – im gleichen Jahr wurde er mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet. Als 1939 das KWI für Physik vom Heereswaffenamt für „kriegswichtige Forschungen“ requiriert wurde, stellte man Debye vor die Wahl, entweder die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen (und die holländische aufzugeben) oder sich in den vorgezogenen Ruhestand versetzen zu lassen. Debye liess sich stattdessen beurlauben und übernahm im Januar 1940 eine Gastprofessur an der Cornell University, die schliesslich in eine unbefristete Stelle überging. Hier blieb er für den Rest seines Lebens.

Unstrittig ist Debyes Bedeutung für die Physik – hoch umstritten hingegen ist sein Verhalten als hochrangiger Repräsentant der Wissenschaft im nationalsozialistischen Deutschland. Im Jahr 2006 veröffentlichte der holländische Wissenschaftsjournalist und -historiker Sybe I. Rispen schwere Vorwürfe gegen Debye, was unter anderem dazu führte, dass der Debye-Preis der Maastrichter Universität einen neuen Namen erhielt. Es resultierte eine heftige und emotional geführte Debatte zwischen Anhängern und Kritikern Debyes; und diese Debatte gab den Anlass zum vorliegenden Sammelband.

Der Band geht zurück auf ein Symposium, das die Herausgeber im Jahr 2008 organisierten, mit dem Ziel, „die Diskussionen [zu Debyes Rolle im Dritten Reich] zu versachlichen und auf eine breitere Basis zu stellen“ (Vorwort, S. 7). Das Ergebnis ist eine sehr lesenswerte Zusammenstellung von Aufsätzen, die sich aus verschiedener Perspektive der Frage nähern, welcher Handlungsspielraum „fremden“ Wissenschaftlern gegenüber dem nationalsozialistischen Regime verblieb – wobei „fremd“ durchaus vielfältig verstanden wird – und auf welche Weise einzelne Personen und Institutionen diesen Spielraum nutzten. Dieser breit angelegte, vergleichende Ansatz verhilft einerseits zu einer besser fundierten Einschätzung des Verhaltens von Debye, andererseits geht der Ertrag des Bandes deutlich über den spezifischen Einzelfall der „Debye-Affäre“ hinaus.

In ihrer Einleitung setzen sich Dieter Hoffmann und Mark Walker, beides ausgewiesene Experten der Geschichte der Physik im Dritten Reich, mit den Vorwürfen gegenüber Debye auseinander. Diese konzentrieren sich auf drei Bereiche: erstens werden frühe, klar antisemitische Äusserungen Debyes zitiert; zweitens beziehen die Kritiker sich auf Debyes Schreiben im Jahr 1938, in dem er als Präsident der DPG die jüdischen Mitglieder der Gesellschaft zum Austritt aufforderte; drittens wird ein Brief von Debye aus dem Jahr 1941 zitiert, worin er der Deutschen Botschaft gegenüber äusserte, er sei möglicherweise zur Rückkehr nach Deutschland bereit. Hoffmann und Walker zeigen für jeden dieser Bereiche, dass die Beurteilung weniger eindeutig ist, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Ihre differenzierte Analyse gibt eine hervorragende Grundlage für die Lektüre der weiteren Aufsätze, die sich einerseits mit Debye und seinem Kontext befassen (Teil 1), andererseits mit anderen ausländischen Physikern, die im nationalsozialistischen Deutschland verblieben (Teil 2); weiterhin mit deutschen Physikern, die im Dritten Reich aufgrund ihrer Herkunft oder ihres non-konformen Verhaltens ausgegrenzt wurden (Teil 3) und schliesslich mit Physikern und physikalischen Institutionen im Ausland, die mit der nationalsozialistischen Besatzungsmacht kooperierten (Teil 4).

Es ist unmöglich, in einer kurzen Rezension den einzelnen Beiträgen auch nur annähernd gerecht zu werden; der Band lebt gerade von der Vielfalt der Perspektiven und dem Reichtum an Fallstudien und Vergleichsepisoden. Nur einige wenige Beispiele seien erwähnt, um einen ersten Eindruck zu vermitteln. Wertvoll für eine Einschätzung der Debatte um Debye ist etwa der Wiederabdruck, in leicht überarbeiteter Form, des Aufsatzes von Sybe I. Rispen, der die Kontroverse angestossen hatte; weiterhin eine ebenfalls kritische Stellungnahme zu Debyes Haltung von Seiten des Niederländischen Instituts für Kriegsdokumentation (NIOD; Martijn Eickhoff und Friso Hoeneveld). Einen aufschlussreichen Vergleichsfall zu Debye bietet der Beitrag zum holländischen Mathematiker Bartel L. van der Waerden, der zur Zeit des Nationalsozialismus ebenfalls in Deutschland verblieb, in den ersten Jahren auch sehr deutliche Kritik am Regime übte, dann jedoch zunehmend zurückhaltender wurde (Reinhard Siegmund-Schultze). Dies steht in deutlichem Kontrast zu dem Schicksal des deutschen Physikers Paul Peter Ewald, der aufgrund seiner konsequent kritischen Haltung zur Emigration gezwungen war (Michael Eckert) sowie den österreichischen, jüdischen Physikerinnen Lise Meitner und Marietta Blau, die ebenfalls vertrieben wurden und auf diese Weise um die verdiente Anerkennung ihrer Leistungen gebracht wurden (Ruth L. Sime). Hochinteressant schliesslich ist auch die Analyse dessen, wie das Leidener Kamerlingh-Onnes-Laboratorium agierte und lavierte – aufgrund des moderat kooperativen Verhaltens des Direktors gegenüber den Deutschen, gelang es in weiten Teilen, die Ausstattung und Infrastruktur des Labors während der Besatzungszeit im Lande zu halten (Dirk van Delft): nicht nur in dieser Episode fällt es schwer, das Verhalten der handelnden Akteure als eindeutig positiv oder negativ zu bewerten.

Debye sei ein „typischer Wissenschaftler in einer untypischen Zeit“ (S. 47) gewesen – so die Herausgeber des Sammelbandes: eine Einschätzung, die weniger Debyes Rolle im Dritten Reich beschönigt, als vielmehr die unter Wissenschaftlern verbreitete opportunistische Einstellung hervorhebt. Debyes Verhalten werde umstritten bleiben, halten denn auch Eickhoff und Hoeneveld vom NIOD fest; und zwar „nicht weil er von seinen Kritikern oder Historikern falsch verstanden worden ist, sondern weil sein Verhalten dazu Anlass gegeben hat und noch immer gibt“ (S. 147). Dass dies dennoch nicht zur Schwarz-Weiss-Malerei führen sollte: das demonstriert der vorliegende Sammelband. Die unbequemen Grauzonen der Wissenschaft im nationalsozialistischen Regime ein wenig weiter auszuleuchten, das ist eines der grossen Verdienste dieses Bandes.

 

Kärin Nickelsen ist Assistenzprofessorin für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte an der Universität Bern. Sie hat sich vor allem auf dem Gebiet der Geschichte und Philosophie der Biologie profiliert, ist jedoch auch Erstautorin eines Buches über den Strömungsforscher Theodore von Kármán (1881-1963) und seine Verbindungen zur Schweiz.


Nachtrag zur Causa "Peter Debye"

Der 2009 verstorbene Soziologe Lord Ralf Dahrendorf hat in seinem Buch „Versuchungen der Unfreiheit. Die Intellektuellen in Zeiten der Prüfung“, C.H. Beck, München 2006, den Begriff "erasmisch" für all diejenigen geprägt, die, in einer Diktatur leben müssend, sich den Versuchungen der Unfreiheit widersetzen. Er beschreibt Erasmus von Rotterdam als Prototyp einer liberalen Geisteshaltung, die "… weder die innere Emigration erlaubt noch zum Widerstandskämpfer tauglich macht, aber mit der Besonnenheit der engagierten Beobachtung und der Weisheit der leidenschaftlichen Vernunft..." durch die Zeiten der Diktatur navigiert (Zitat Klappentext). Kann diese Einstufung auch für Debye gelten?

Im Mittelpunkt der Vorwürfe gegen ihn steht -wie oben erwähnt- das von ihm als Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft DPG mit ‚Heil Hitler’ unterzeichnete Schreiben vom 9.12.1938, in dem die wenigen, noch verbliebenen jüdischen Mitglieder zum Verlassen der Gesellschaft aufgefordert wurden. Das in der Tat beschämende Schreiben wurde allerdings der DPG unter dem Druck der zuständigen politischen Behörde, dem Reichs-Wissenschaftsministerium, aufgezwungen. Dass es Debye mit dem Passus "Unter den zwingenden obwaltenden Umständen…" einleitete und an alle(!) DPG Mitglieder in Deutschland versandte, spiegelt seine Distanz, aber auch seine "erasmische" Courage wider. So war es nicht verwunderlich, dass das Schreiben wütende Reaktionen parteitreuer Mitglieder auslöste und eine für ihn wohl nicht unproblematische Situation schuf. Man bedenke, dass die Reichspogromnacht, ab der das Nazi-Regime den Kontinent mit offenem Terror überzog, gerade erst vier Wochen zurücklag !

Es wäre interessant zu wissen, wie Ralf Dahrendorf, der als 15-Jähriger als Mitwisser des Attentats auf Hitler 1944 vom Volksgerichtshof zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, und der in den 70-Jahren bis zu seinem Rücktritt 1974 in der EG-Kommission in Brüssel für Forschung, Bildung und Wissenschaft zuständig war, die Causa Debye beurteilt hätte? Ein von uns angestrebtes Treffen im Mai 2009 kam leider nicht mehr zustande.

Wenn wir versuchen, das Verhalten mancher Physiker in jenen Jahren zu verstehen, bleiben viele Fragen offen, doch hüten wir uns als Nachgeborene auch vor allzu selbstgerechten Urteilen. Herrn Dieter Hoffmann sei für seine kritischen Anmerkungen zu diesem Nachtrag herzlich gedankt.

Bernhard Braunecker

 

 

[Veröffentlicht: September 2011]